Berichte 2015



2.
2015-Jan-31
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Holoc/kaust, S(c)hoah

Von Wilfried Kürschner

Am Dienstag dieser Woche jährte sich zum siebzigsten Mal der Tag, an dem die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit wurden. Auschwitz – der Name des Ortes ist ein Synonym für organisierten Massenmord. Seine Opfer waren vor allem Juden. Was die Nationalsozialisten zynisch die „Endlösung der Judenfrage“ nannten, wurde nach dem Krieg im deutschen Sprachraum als „Judenvernichtung“, „Judenmorde“ oder „Massenmord an den europäischen Juden“ bezeichnet. Die heute geläufige Benennung als „Holocaust“ ist dagegen erst seit Ende der 1970er-Jahre gebräuchlich. Sie geht zurück auf die gleichnamige Fernsehserie von Marvin Chomsky, die die „Geschichte der Familie Weiss“ (so der Untertitel) mit den Stilmitteln des Hollywoodfilms nachzeichnete und 1979 in den Dritten Fernsehprogrammen ausgestrahlt wurde. „Der Vierteiler katapultierte nicht nur das Wort, sondern auch das Thema in das öffentliche Bewusstsein“, heißt es in einem Kommentar der Gesellschaft für deutsche Sprache zu „Holocaust“, das 1979 nicht nur zum „Wort des Jahres“, sondern 1998 auch zu einem der „100 Wörter des 20. Jahrhunderts“ gewählt wurde.

Das Wort Holocaust ist, wie sich in Schreibung und Aussprache zeigt, eine direkte Übernahme aus dem Englischen: Es wird mit „c“ statt mit „k“ geschrieben (anders als zum Beispiel Hypokaustum = ›Heizanlage im antiken Rom‹), und es wird auf englische Weise ausgesprochen. Jedenfalls, wenn man der phonetischen Umschrift in den Wörterbüchern folgt: das „au“ wird als langes offenes „o“ (wie in law and order) wiedergegeben. Man kann sich das auch anhören, etwa von der CD-Fassung einiger Duden-Wörterbücher. Merkwürdig ist dagegen in der App-Version des Duden-Universalwörterbuchs, dass die Umschrift englisch, die Tondatei dagegen deutsch ist: „holokaust“. Und im Internetduden werden beide Tonfassungen präsentiert. So waren auch in den Rundfunk- und Fernsehsendungen dieser Woche beide Aussprachen etwa gleich häufig zu hören. Meines Erachtens spräche nichts dagegen, auch die Schreibung den Gepflogenheiten des Deutschen anzupassen: Holokaust.

Das Wort geht über holocaustum im Spät- und Kirchenlatein auf das griechische holókau(s)tos zurück, das so viel bedeutet wie ›völlig verbrannt‹. Von einer holokaútosis bzw. einem holokaútoma, einem ›Ganzbrandopfer‹ eines Tieres, ist beispielsweise im 4. Buch Mose am Anfang des 28. Kapitels die Rede, und zwar in der griechischen Übersetzung (Septuaginta) des hebräischen Originals (olah).

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum das Wort Holokaust von religiösen Juden abgelehnt wird. Man könne doch den massenhaften Völkermord sprachlich nicht mit der heiligen Handlung des Brandopfers eines Tieres in Zusammenhang bringen. Man spricht daher von der Schoah. Dieses Wort steht im Alten Testament für ›Katastrophe, Untergang, Zerstörung, Vernichtung‹. Im modernen Hebräisch erhielt das Wort den Status eines Eigennamens und bezieht sich allein auf die nationalsozialistische Judenvernichtung. Entsprechend wird es im Englischen oder Französischen als the Shoah, La Shoah (mit bestimmtem Artikel und in der Schreibung mit großem Anfangsbuchstaben) verwendet, parallel zu the Holocaust, L’Holocauste. Wiederum war es ein Film, der den hebräischen Begriff bekanntmachte, und zwar der Dokumentarfilm „Shoah“ des Franzosen Claude Lanzmann von 1985. Auch hier kommt es wieder zu Schreibvarianten: Shoah, wie das hebräische Wort im Englischen wiedergegeben wird, Schoah nach den deutschen Übertragungsregeln – so wie wir ja auch Schalom (= ›Frieden‹) schreiben: Beide Wörter beginnen im Hebräischen mit demselben Buchstaben. Die Betonung liegt wie im Original auf der zweiten Silbe, kann aber auch auf die erste gelegt werden.



1.
2015-Jan-03
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Der Philae-Obelisk und die Rosetta-Scheibe

Von Wilfried Kürschner

Philae – so heißt, wie in „OVinchen“ am Montag zu lesen war, die Hündin, die Präsident Hollande zu Weihnachten geschenkt bekam und die jetzt mit ihm im Élyséepalast in Paris wohnt. „Benannt hat der Präsident seine pechschwarze Hündin nach dem europäischen Minilabor Philae, das vor Kurzem im Weltall auf dem Kometen Tschuri gelandet ist.“ Dorthin hatte sich das kühlschrankgroße Gerät, befestigt an der Raumsonde Rosetta, vor gut zehn Jahren auf den Weg gemacht. Mit vollem Namen heißt Komet Tschuri übrigens nach seinen Entdeckern „67P/Tschurjumow-Gerassimenko“. Doch was hat es mit den Namen Philae und Rosetta auf sich?

Beide Namen gehen auf Ortschaften in Ägypten zurück. Rosetta (auch „Rosette“ genannt) ist eine Hafenstadt im Nildelta. Philae ist, genauer: war eine Insel im Nil, die vom Stausee des Assuan-Staudamms überflutet wurde.

Aus der Sicht des Sprachwissenschaftlers sind beide Ortschaften von besonderem Interesse. In der Nähe von Rosetta wurde 1799 eine Stele gefunden, der berühmte Stein von Rosetta, dessen Inschriften zur Entzifferung der Hieroglyphen Entscheidendes beitrugen. Dabei half wiederum ein Obelisk, der 1815 auf Philae entdeckt wurde und die Königsnamen „Ptolemäus“ und „Kleopatra“ in zwei Sprachen, Ägyptisch in Hieroglyphenschrift und Griechisch in griechischer Schrift, aufwies. Die Inschriften stammen aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr.

Der Text des Rosettasteins ist sogar in drei Sprachen gehalten und mit jeweils eigener Schrift geschrieben, in drei Blöcken untereinander angeordnet: die ägyptische Fassung in Hieroglyphenschrift, die demotische Fassung in demotischer Schrift und die griechische in griechischer Schrift. Der Text stammt aus dem Jahr 196 v. Chr., ehrt den ägyptischen König Ptolemäus V. und „rühmt ihn als Wohltäter“, wie es in der Wikipedia heißt. Dass die Inschriften in drei Sprachen mit ihren jeweiligen Schriften verfasst wurden, liegt an seinem Inhalt und den drei Bevölkerungsgruppen, die dieser anging. Es handelt sich um eine Art Abkommen zwischen dem König und der Priesterschaft. Für die Priester war das Ägyptische in Hieroglyphen bestimmt, dem ältesten bekannten ägyptischen Schriftsystem, das ursprünglich eine Bilderschrift war. Zur Zeit der Fertigung des Rosettasteins war die Hieroglyphenschrift für Texte mit sakralem Bezug reserviert. Das Volk sprach Demotisch, eine Weiterentwicklung des Altägyptischen. Dafür gab es eine eigene Schrift, die demotische Briefschrift. Unser Text weist dies im zweiten Block auf, der an die Beamten gerichtet war, die für die Einhaltung des Abkommens zuständig waren. Der dritte Block in Altgriechisch, geschrieben mit griechischen Großbuchstaben, war für die griechischen Herrscher über Ägypten, die Ptolemäer, bestimmt.

Die Entzifferung der Hieroglyphen, die in Europa Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzte, wurde durch den Rosettastein maßgeblich gefördert. Der griechische Text ließ sich ohne Mühe lesen und gab Hinweise für das Verständnis der hieroglyphischen und der demotischen Fassung. Unter Zuhilfenahme der Königsnamen auf dem Obelisken von Philae gelang dem Franzosen Jean-François de Champollion 1822 die vollständige Entzifferung der Hieroglyphen.

Die Mehrsprachigkeit der Inschrift auf dem Stein von Rosetta war über zweitausend Jahre später Namensgeber für ein gewaltiges Vorhaben, das internationale Rosetta-Projekt. Sein Ziel ist eine Übersicht und ein dauerhaftes Archiv aller dokumentierten menschlichen Sprachen. Ein Zwischenergebnis war 2002 die sog. Rosetta-Scheibe aus einer Nickellegierung. Sie enthält bei einem Durchmesser von nur sieben Zentimetern auf 15.000 Seiten in Mikroschrift Informationen zu über 2500 Sprachen. Ein Exemplar dieser Scheibe wurde 2004 der gleichnamigen Kometensonde Rosetta mit auf den Weg gegeben. Diese Scheibe soll in 500-facher Vergrößerung auch in 10.000 Jahren noch lesbar sein. Wer nicht so lange warten will, kann 10.000 Dollar für das Projekt spenden und erhält dafür eine solche Scheibe samt Vergrößerungsglas.